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Zu meinem neuen Buch Der Fluch der Dunkelgräfin – hatte ich das eigentlich schon erwähnt? Nein? Okay, dann jetzt: Ich habe ein neues Buch geschrieben! (Standing ovations, die Menge rastet aus!) – gab es eine Premierenlesung, die wiederum zu einer Rezension in der hiesigen Tageszeitung BNN führte.

Mit herzlichem Dank an Karin Hoog, die sich die Zeit genommen hat, mein Buch zu lesen und die Lesung anzusehen!

Es ist da!

Mein neues Buch! Endlich!

Geister, Dämonen, finstere Götter – das gibt es doch alles nicht! Oder doch?

Turini erzählt von unglücklichen Menschen, Häusern, die zum Gefängnis werden, misslungenen Fluchten und schrumpfenden Herzen. Neun Geschichten aus dem Grenzgebiet zwischen Wahnsinn und Wahrheit.

Viel Spaß mit der Dunkelgräfin, Emmi, dem verirrten Gott und vor allem DEM TRIP.

Neues Buch, neues Buch, neues Buch!

Bald schon, sehr bald, erscheint ein neues Buch von mir: DER FLUCH DER DUNKELGRÄFIN, eine Sammlung von finsteren Kurzgeschichten mit unglücklichen Menschen und genervten Göttern, gestörten Familien in Häusern, die zum Gefängnis werden, und Drogentrips mit Flora & Fauna.

Und am 10 Mai stelle ich euch das neue Baby auch vor, live und in Farbe und mal wieder online, aber immerhin aus dem zauberhaften KOHI hier in Karlsruhe.

Es wird Wein geben! Und Horror! Und einen Tresen! Und die Lampen des großen Rainer Kehres! (Für alle, die das KOHI genauso vermissen wir ich, ein absolutes Muss. Für alle, die mich vermissen, ebenfalls: Im Anschluss findet ein gemütliches Q&A statt.)

Fragmente 4

»Erzähl mir etwas von dir, das merkwürdig ist. Eine bizarre Information. Aber sie muss wahr sein.«
Er lacht leise. »Bizarr? Wow, okay, lass mich überlegen …«
Schweigen. Ich lasse ihn nachdenken und sehe mich derweil im Zimmer um. Es ist mein altes Zimmer, hier bin ich aufgewachsen, aber es sieht nicht mehr so aus wie damals. Meine Eltern haben seit meinem Auszug renoviert, vielleicht sogar mehrmals, und dieses Zimmer – mein »Kämmerlein«, wie meine Mutter es immer genannt hat – ist jetzt ein GästezimmerSchrägstrichHauswirtschaftsraum: Ein schmales Bett und ein kleiner Kleiderschrank, die alt aussehen, bei denen es sich aber eindeutig nicht um meine alten Möbel handelt,
(vielleicht hat irgendein Nachbar ausgemistet und meinen Eltern die Sachen angeboten, die immerhin neuer und besser gepflegt sind als meine alten Sachen; der Schrank ist nicht voller Aufkleber aller Art und am Kopfende des Bettes sind keine Kerben eingeritzt, die anzeigen, wie lange ich noch ausharren muss, bis ich endlich meinen Schulabschluss habe und dieses elende Kaff verlassen kann)
ein Bügelbrett in der Ecke, daneben der zusammengeklappte Kleiderständer zum Trocknen der Sachen, der Staubsauger. Das einzig Vertraute ist mein alter Flickenteppich, der neben dem Bett liegt.
Ich streife meine Schuhe ab und vergrabe die Füße im warmen Stoff.
»Eigentlich«, setzt Enrico an, »musste ich jetzt nicht lange nachdenken. Mir sind nicht besonders viele Dinge im Leben zugestoßen, die man als ›bizarr‹ bezeichnen könnte.« Er lacht. Fröhlicher Enrico. Oh, du glücklicher Junge! Ich bin ein bisschen neidisch. Mir ist nach mehr Wein, oder vielleicht Schnaps. Nach Schlaf, nicht nach Lachen. Er scheint das zu spüren und will mich aufheitern.
Enrico, bist du etwa einer von den Guten?

Fragmente 3

Ein neuer Roman ist im Entstehen begriffen – schon seit nunmehr drei oder vier Jahren. Aber weil ja immer irgendwas ist, dauert es wohl noch, bis ich ihn auf die Welt loslassen kann. Ich gelobe mehr Fleiß & hoffe auf Fertigstellung 2020.
Weil es wieder ein Fragment-Roman wird, hier ein paar der (ungeordneten) Fragmente.

Diese beschissene Rumhängerei geht mir auf die Nerven. Ich werfe die staubige alte Wolldecke von meinen Beinen, ziehe meinen Bademantel über und gehe auf den Balkon, rauchen.
Der Balkon ist der einzige Lichtblick in dieser winzigen, versifften Bude. Er ist eher eine Art Dachterrasse, riesengroß, mit Meerblick – wenn man sich an eine bestimmte Ecke stellt und sich ein wenig vorlehnt und nach links schaut. Dann erkennt man einen schmalen Streifen Sand und dahinter das Blau des Wassers, das manchmal eher ein Grau ist und manchmal weiß. An stürmischen Tagen sieht man die Wellen, kleine weiße Schaumkronen auf Linien, die zum Strand rollen und aus dem Blickfeld verschwinden, ehe sie eine brechen. Es riecht nach Salz.
Ich laufe auf und ab, drehe meine Runden wie in einem Käfig. Der Käfig, das ist doch am ehesten meine Faulheit, mein Mich-Verstecken vor der Welt und den Leuten, die in dieser Stadt ebenfalls ihre Runden drehen, größere Runden, vorgeblich sinnvoll: Morgens zur Arbeit, mittags zum Essen, abends nach Hause, dann in die Bar oder ins Kino oder ins Theater. Dann ins Bett und alles wieder von vorne.
Auf einem der Stühle liegt Renzo, alle sechs Beinchen von sich gestreckt. Er hat einen langen Strohhalm im Mund und trägt ein Partyhütchen auf dem Kopf. Er grinst mich an und wackelt mit einem Bein, um mich zu begrüßen.
»Verpiss dich!«, rufe ich und werfe meine halb gerauchte Kippe in seine Richtung. Die Glut brennt ein weiteres Loch in den schäbigen Bezug. Kein Renzo mehr. Gut so.
Ich hebe die Kippe auf und schmeiße sie in den großen Aschenbecher auf dem Tisch, den wir neben die Tür gestellt haben.
Bloß keinen Ärger mit den anderen Bewohnern dieses Dreckshaufens von Wohnung kriegen.
Die letzten Sonnenstrahlen ziehen sich langsam von den alten Steinplatten zurück, kriechen über die Balustrade, werden bald verschwinden und Nacht zurücklassen. Es war ein heißer Tag, hell und wunderschön. Jetzt erhebt sich eine leichte Brise vom Wasser und bringt den Duft von Salz und dem Rhododendron, der üppig die Küstenstraße säumt.
Paradies.
Eigentlich.
Im Grunde waren die letzten drei Jahre gut.

Fragmente 2

Ein neuer Roman ist im Entstehen begriffen – schon seit nunmehr drei oder vier Jahren. Aber weil ja immer irgendwas ist, dauert es wohl noch, bis ich ihn auf die Welt loslassen kann. Ich gelobe mehr Fleiß & hoffe auf Fertigstellung 2020.
Weil es wieder ein Fragment-Roman wird, hier ein paar der (ungeordneten) Fragmente.

»Die Köder waren winzige transparente, leicht silbrige Fischchen. Als ich den Fischer fragte, ob er die alle gefischt habe, erwiderte er nein, die einen, die großen, seien die Eltern, und die kleinen die Jungen. Und die großen habe er tatsächlich gefischt, die kleinen in einer Fischhandlung in Frascati gekauft. Die seien nicht zum Essen, die dienten nur als Köder.« (Roberto Bolaño, Lumpenroman)

Die Trauer, so scheint es manchmal, ist unendlich, ewig. Sie will mich nicht verlassen und vielleicht – in einer der zahlreichen Ecken meines Seins – will ich sie auch nicht loslassen.
Die Trauer ist jetzt schon so lange bei mir, dass es mir vorkommt, als sei sie ein Teil von mir. Sie ist so lange bei mir, dass ich nicht einmal sagen kann, ob sie ein großer Teil von mir ist oder nur ein unbedeutender, winziger Fleck auf meinem Bewusstsein, ein Fleck, der sich manchmal in mein Gesichtsfeld schiebt und wie ein Staubkorn auf einer Fotolinse alles verdeckt, was ich eigentlich sehen will, und plötzlich so riesig wirkt, als gehörte ihm das Universum.
Es ist meine Trauer, manchmal zumindest, und manchmal bin ich ein Mensch, der der Trauer gehört, und dann – so rätselhaft mir ihr Ursprung und ihr Weg auch scheinen mögen – dann ist ganz klar, dass ich keine Chance habe, dem zu entkommen, dann weiß ich, dass es immer so weitergehen wird, und dann wird es dunkel um mich – nicht gleißend hell, bis keine Ruhe mehr möglich ist – nein, es wird dunkel, eine Finsternis, die unbeschreiblich, unerträglich und – seltsam genug – frei von Angst ist. Denn auch das gehört zu der Trauer: Die Angst hat in ihr keinen Platz.
Die Trauer ist schon lange bei mir. Nicht, seit ich denken kann, aber sie kam kurz danach. Sie ist schon so lange bei mir, dass ich nicht mehr weiß, ob sie immer da ist oder nur ab und zu, dass ich nicht mehr weiß, ob sie ständige Begleiterin oder sporadische Besucherin ist.
Was ich weiß, ist, dass ich nicht immer Platz für sie machen will.
Mein Leben ist nicht ständig dunkel. Da ist auch Wut. Da ist auch Freude. Da ist etwas, das man vielleicht am ehesten zum Galgenhumor zählen kann.
Und die Weigerung, zu akzeptieren, dass meine Trauer, die elende, elende Trauer, mich zum Köderfisch degradiert.

Fragmente 1

Ein neuer Roman ist im Entstehen begriffen – schon seit nunmehr drei oder vier Jahren. Aber weil ja immer irgendwas ist, dauert es wohl noch, bis ich ihn auf die Welt loslassen kann. Ich gelobe mehr Fleiß & hoffe auf Fertigstellung 2020.
Weil es wieder ein Fragment-Roman wird, hier ein paar der (ungeordneten) Fragmente.

»Das Leben!«, skandiert der Typ an der Straßenecke. »Das Leben, es schlägt Haken!«
Er gestikuliert so wild, dass ich fürchte, er könnte sich verletzen. Dann sieht er mich, streckt die dreckige Hand aus und zeigt auf meine Nase. »Das Leben!«
Abgeranzt sieht er aus, wie alle hier. Wie ich vermutlich auch. Es ist acht Uhr und ich bin schon wieder unterwegs, den Bauch noch voller Sushi, das Blut voller Wein.
Reise, Reise.
Noch so ein Bahnhof, der aussieht wie alle Bahnhöfe. Aber an diesem hier habe ich mal mitten in der Nacht Fritten gegessen und Schnaps getrunken, mit Pit, vor tausend Jahren oder so. Das ist so lang her, dass es schon ganz verschwommen ist; Ich weiß gar nicht mehr, wo wir standen oder warum ich in dieser Stadt war, die damals noch seine Stadt gewesen ist.
Wo er jetzt steckt, weiß ich auch nicht.
Alles anders, alles neu. Was damals war, zählt schon nicht mehr.
Zu viele Leute hier, alle hektisch, müssen alle zu Arbeit. Ich muss im Grunde nirgendwohin und ich weiß auch gar nicht recht, warum ich überhaupt unterwegs bin in diesem Nicht-Raum, an diesem Transit-Ort, an dem niemand bleiben will,
[Außer vielleicht der schäbige Typ mit seinen Reden über das Leben. Aber sogar der steht draußen im Wind. Bloß nicht das Gleis betreten, das Gleis ist Lava.]
unterwegs, um einen Zug zu besteigen, aus dem ich irgendwann aussteige und irgendwohin gehe, um dann dort nicht zu wissen, warum ich da bin und warum ich bin und was das alles soll.
Balance.
Keine Balance.
Alles anders, alles neu.
Alles eine einzige große Frage.
Boa singt was von Rome in the Rain und ich denke: »Ja, Mann, Rome in the Rain, das wär’s jetzt.« und kriege Heimweh nach einer Heimat, die genausowenig meine ist wie die, in der ich nachher aus diesem Zug steigen werde.
Näher wär’s, mein Rom. Regen hin oder her.
Es ist natürlich Genua, schon wieder, denn alle Bahnhöfe meines Lebens sind Genua, wenn ich unterwegs bin, ohne zu wissen, wohin oder warum oder was zur Hölle das Leben gerade schon wieder vorhat.
Es ist immer Genua, wenn ich umsteige und alles anders ist, alles neu.
Wie soll sich einer da noch orientieren können?

AUF DEM DACH oder: Wie mir manchmal wirre Ideen kommen, wenn ich in der Gegend rumliege

Wenn man Yoga praktiziert, praktiziert man auch Meditation sowie Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen.

(Das klingt dröge, fühlt sich aber großartig an.)

Und manchmal, wenn so daliegt und seine Gedanken kommen und gehen lässt, locker und sanft und gaaaaanz entspannt, können entschieden merkwürdige Gedanken kommen.

Und womöglich nicht wieder gehen.

Zum Beispiel der, dass die Luft, die ein- und ausströmt und den Körper mit Prana, der Lebensenergie, versorgt, auch etwas ganz anderes sein könnte, das nicht einfach nur einströmt, Sauerstoff ablädt und wieder verschwindet, sondern etwas, das gewaltsam eindringt, sich breitmacht und absolut nicht daran denkt, wieder zu gehen.

Etwas, das einen verändert.

 

Beim Yoga kam mir die Idee zum Schicksal des Protagonisten meiner Erzählung in „Lückenfüller“, und beim Yoga habe ich dann auch den Rest entworfen.

(Es waren mehrere Übungsstunden, in denen ich so abgelenkt war, dass rein gar nichts funktionierte – aber am Ende hatte ich eine halbe Geschichte.)

(Immerhin.)

Den zweiten Teil kannte ich bereits, in gewisser Weise, denn seit ich diese aufschlussreiche Diskussion gelesen habe, ließ mich der Gedanke an Experimente mit Ameisen nicht mehr los …

Manchmal ist genau das mein Leben. Manchmal passt mir das ganz gut.

(Manchmal beschert es mir auch einfach Rückenschmerzen. Keine anständige Yoga-Praxis und so …)

 

Wer wissen will, wie die anderen Beiträge der Anthologie entstanden sind & welche merkwürdigen Gedanken meine werten Kollegen so hatten, der darf hier, hier und hier schauen!

Ein neuer Roman wächst & gedeiht

Die Dunkelheit wollte nicht weichen, das wollte sie nie. Die Frau lag in ihrem Bett, der Wecker quäkte seinen ohrenzerfetzenden Ton, aber sie hatte nicht die Kraft, ihn abzustellen. Schließlich rollte sie sich stöhnend auf die Seite und schlug auf das Gerät.
Stille.
Sie blieb auf der Seite liegen, die Hand auf dem Wecker, und starrte die Leuchtziffern an. Früh war es. Zu früh. Immer zu früh, denn sie lebte bevorzugt in der Nacht, in den Lichtern der Straßenlaternen und Autoscheinwerfer und verlassenen Schaufenster geschlossener Geschäfte, Neonschilder der Kneipen. Doch das war einem geregelten Broterwerb nicht zuträglich, also musste sie sich wohl oder übel aus dem Bett kämpfen.
Sie tat es fluchend, wobei sie hoffte, damit den Schmerz in ihrem Körper und ihre bleierne Müdigkeit besser ertragen zu können. Es funktionierte nicht, ihre Beine fühlten sich an wie in Blei gegossen, ihr Rücken brannte, Schwindel ließ sie zurück auf die Matratze sinken.
Als sie sich endlich aufraffen konnte, zog sie die schweren Vorhänge vor den Schlafzimmerfenstern zurück und öffnete die Balkontür. Draußen war es kalt. Autos schoben sich dicht an dicht die Hauptstraße entlang. Sie lehnte sich gegen die gekippte Glasscheibe und atmete den Gestank der Stadt ein. Normales Leben da draußen. Alltag.
Weder Licht noch Lärm vermochten das nagende Gefühl abzumildern, dass etwas nicht stimmte. Die Dunkelheit, die nicht weichen konnte, egal, wie viele Vorhänge sie öffnete, egal, wie viel Lärm und Kälte und Licht sie in ihre Wohnung einlud, egal, wie viele Stunden sie sich mit wohlmeinenden Menschen umgab oder sich von einem Orgasmus in den nächsten fallen ließ. Es war ihre Dunkelheit, sie war in ihr, sie war ewig.
Die morgendlichen Verrichtungen waren mühselig; duschen, Kaffee kochen, ein Stück Brot hinunterwürgen, ehe es Schimmel ansetzen konnte, Kleidung für den Tag überstreifen.
Mit der Kaffeetasse am Küchentisch, das Radio dudelte im Hintergrund fröhliche Musik, bemühte sie sich um ein wenig Ablenkung, ein wenig Blödsinn in ihrem Kopf, um die Dunkelheit zumindest abzudrängen, auf dass sie würde arbeiten können.
Sie war nicht über Nacht in ein Ungetüm verwandelt worden. Sie war auch nicht in eine frühere oder zukünftige Zeit versetzt, in eine andere Dimension geschleudert, von Außerirdischen entführt oder von einem Yeti besucht worden. Das war zwar langweilig, aber gleichzeitig zutiefst beruhigend.
Sie nippte an dem Kaffee und stellte sich vor, er sei zu heiß, würde sie verbrennen; nein: würde sie verätzen. Es brannte, brannte wie Feuer. Schreien, um Hilfe rufen – unmöglich, denn ihre Zunge war weg, einfach weg. Ein blutiges Loch in ihrem Gesicht, mehr war ihr Mund nicht mehr. Und es fraß sich weiter, tiefer, immer tiefer in ihren Körper. Brennender Schmerz breitete sich in ihrem Magen aus, in ihrem Darm. Sie fiel kraftlos zu Boden, der Boden unter ihr wurde rau von der Säure, stinkende Rauchschwaden stiegen von dem sich auflösenden Linoleum empor und verursachten ihr Übelkeit. Ihr Kopf sank zu Boden und sie ergab sich in ihr Sterben, ließ den durchlöcherten Körper einfach auslaufen, sich vollständig verflüssigen.
Nun stahl sich endlich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Ihr Therapeut sorgte sich, dass nur solche Todesphantasien sie aufzuheitern vermochten, doch solange die Dunkelheit ihr ständiger Begleiter war, würde sich daran nichts ändern.

——–

Work in progress

Die Fenster der Stadt VI

Hinter den Fenstern ohne Vorhänge herrscht Einsamkeit.

Man sieht es sofort, sie sind nicht geputzt, werden langsam blind, ein leerer Blumenkasten verbreitet Trübsinn.

Diese Gegend war mal eine gute, war mal teuer. Jetzt wohnt hier niemand mehr, der Geld hat, sie sind alle weg und haben mitgenommen, was an dieser Gegend mal schön gewesen ist. Vorgärten verdorren. Wäscheleinen hängen durch. Manche Fenster sind zerschlagen und mit Sperrholzplatten und Plastikplanen notdürftig geflickt worden. Andere bleiben einfach offen.

Die Fenster ohne Vorhänge sind noch intakt. Die Wohnung, zu der sie gehören, ebenfalls. Sie ist genauso leer und ungepflegt wie ihr Bewohner, sie atmet dieselbe Einsamkeit. Auf einem zerschlissenen Sofa sitzt der zerschlissene Mann und sieht sich Werbung an, im winzigen Fernseher, auf dem er kaum etwas erkennen kann. Die quäkenden Stimmen aus dem Gerät trösten ihn auf eine Art, wie es echter menschlicher Kontakt schon lange nicht mehr schafft. Der Mann sieht sich nur noch Werbung an, denn die Spielfilme und Abendshows versteht er nicht. Er bevorzugt einfache, klare Klischees, übertriebene Fröhlichkeit und die Illusion, dass es irgendwo auf der Welt noch so etwas wie Glück gibt.

Es regnet. Der Mann bemerkt das nicht, er schaut schon lange nicht mehr aus dem Fenster.

Ich kann ihn sehen. Ich sehe ihn jeden Tag. Nicht mehr lange, dann hat der Dreck der Stadt die Fenster so sehr verkrustet, dass ich ihn nicht mehr werde sehen können. Dann werde ich vermutlich näher herangehen und ein wenig an der Scheibe reiben müssen, um zu sehen, wie er da sitzt. Aber vielleicht bringt das doch nichts, weil der Dreck der Stadt nicht abzuwischen ist und von innen Nikotin und Staub und Alter den Blick trüben.

Man hört den Fernseher Tag und Nacht, die laute Werbung, die bunte Welt, die es in Wahrheit nicht gibt.

Der Mann zündet sich eine Zigarette an und kuschelt sein Gesicht kurz in ein Stofftier, das er auf dem Schoß hält. Eine kleine Katze, grau, fast ohne Fell.

Man kann diesem Mann nicht mehr helfen, aber seine Hilflosigkeit hilft nun mir, lässt mich mein Leben in einem schöneren Licht betrachten, denn ich kann mir Spielfilme ansehen und einkaufen gehen und im Park spazieren und meine Fenster putzen.

Manchmal kann ich auch reden, mit Menschen, die mir begegnen, und manchmal habe ich dabei sogar Spaß. Ich weiß nicht, was passiert, wenn er mal nicht mehr in seiner leeren Wohnung sitzt und meine Einsamkeit für mich trägt.