Kurzurlaub

… und dann wachst du eines Tages auf und fühlst dich nicht gut und genaues Nachdenken bringt dich darauf, dass dein Unwohlsein einen einfachen Grund hat:

Du bist nicht, wer du zu sein glaubtest.

Das kann der Mutter passieren, die plötzlich feststellt, dass sie Kinder nicht leiden kann, oder dem Banker, der lieber Bäume retten will, oder der Schülerin, die statt ihres Freundes lieber die beste Freundin küssen will.

Es kann aber auch passieren, dass du gestern noch neidisch auf deinen Kumpel warst, der sechs Wochen in Thailand verbringen wird und es wütend auf „kein Geld“ und „keine Zeit“ geschoben hast, dass du so was niemals tust, und heute stellst du fest:

Nix da, Geld und Zeit ließen sich einrichten, du willst schlicht nicht sechs Wochen weg.

Kurz: Du wachst auf und stellst fest, dass du überhaupt kein verhinderter Globetrotter bist, sondern eine sehr erfolgreiche Couchpotato, ein Heimscheißer, einer der langweiligen Daheimaufmbalkonsitzer.

Was du doch eigentlich niemals sein wolltest.

 

Um nicht vollends die Achtung vor mir selbst zu verlieren, präge ich hiermit den Begriff „Permanentkurzurlauberin“.

Anzeigenplatzierung deluxe!

Gerade gesehen: Ich habe viel zu lange nichts mehr geschrieben.

(Wird sich bald wieder ändern, versprochen.)

Auch gerade gesehen: Wenn man beim Online-Händler nach dem „Silberfischchen“-Buch sucht, erhält man als „Zusammen kaufen mit“-Vorschlag eine Packung „Silberfischchen-Köder“.

Diese hier sollen laut dem Online-Händler die besten sein.

Gern geschehen.

Worum geht’s eigentlich in deinem neuen Buch? – 3

Bisher mag der Eindruck entstanden sein, es ginge im neuen Buch nur darum, zu viel zu trinken oder die Uni zu schmeißen. Das ist nur halb richtig. Es geht auch um das Suchen und Finden von Liebe:

 

So ein Leben in der Fremde kann sehr schnell einsam werden, da hat jeder neue Bekannte das Potential zum Seelenverwandten.
»Verdammte Stadt, eigentlich«, setzte Pit an, als ich gerade mit einer zweiten und dritten Flasche Wein vom nahen Billig-Supermarkt zurückkam. »Verdammtes Land sogar. Dieses Klopapier. Ich meine, was soll das? Es ist höchstens zweilagig, und es sind zwei dünne Lagen. Das ist doch total lächerlich! Im Krankenhaus wird man erst behandelt, wenn man schon halbtot ist, ansonsten kriegt man Schmerzmittel und muss warten. Waschmittel reicht nur für 25 Wäschen, egal, wie groß die Flasche ist. Essen ist teuer, dafür sind Kippen billig und Alkohol auch.
Und jeder dieser elenden Genueser hat einen Hund und jeder dieser Hunde scheißt einfach so auf die Straße, was natürlich niemand wegmacht, außer es regnet, dann kommt es einem entgegen, wenn man den Berg hochläuft. Genueser ohne Hund haben garantiert schreiende Kinder dabei, laut schreiende Kinder, die alles dürfen.
Rauchen ist überall verboten und die Italiener behaupten, das würde ihnen gefallen. Mag im Sommer ja auch stimmen. Ich bin gespannt, wie sie im Winter reden, wenn sie frierend auf der Straße stehen, um ihr Nikotin zu kriegen.«
Dann war er unvermittelt wieder still. Ich nahm ihn mitfühlend in den Arm.

 

Hier gibt es mehr.

Worum geht’s eigentlich in deinem neuen Buch? – 2

Nicht nur um Fäkalien, nein, es geht auch um die Widrigkeiten des Universitätslebens. Zum Beispiel die Anmeldung zu Semesterbeginn.

Im Moment wurde der Glückspilz mit der Nummer 351 von der übellaunigen, dicken Sekretärin abgefertigt, die sich offenbar exklusiv um die ausländischen Studierenden kümmern sollte. Auf meinem Zettel stand 512. Seufzend ging ich vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen. Auf dem Weg wich ich einem jungen Mann aus, der wirkte, als säße er schon immer hier: In einen dreckigen Parka gewickelt starrte er stumm vor sich hin, den Zettel mit der Nummer schlaff in der Hand, die Beine in grauen Jeans halb unter sich gezogen. Sein Bart war erstaunlich lang und fusseliger, als ein Bart natürlicherweise sein sollte. Er roch erbärmlich. Ein kunstvolles Spinnennetz spannte sich zwischen seinem Kopf und der Wand.
Draußen traf ich auf zwei Mädchen, eines davon in einem T-Shirt mit dem unverkennbaren Logo des FC St. Pauli. Ich freute mich heimlich über die Deutschen – Erasmus ahoi! – und bot Zigaretten an. Die beiden musterten mich verständnislos und drehten sich weg. Verwirrt stand ich da, die Kippenpackung noch offen vor mir ausgestreckt. Gerade wollte ich es auf Italienisch versuchen, da murmelte die eine etwas wie »Komische Typen gibt’s«, und die andere lachte.
Sie entfernten sich ein paar Schritte, doch ich konnte sie immer noch reden hören – Deutsch reden hören. Ich wollte gerade nach Steinen suchen, um die dämlichen Ziegen damit zu bewerfen, da sah ich durch die Glastür, dass gerade die Nummer 508 aufgerufen wurde. Meine zuständige Sachbearbeiterin schien trotz ihrer offensichtlichen Aversion gegen ihren Job und ihre schier unglaubliche Körperfülle der Fleiß in Person zu sein. Schnell trat ich meine halb gerauchte Zigarette aus und eilte zurück.

Über die Liebe

In unregelmäßigen Abständen begegnen mir – allen Vermeidungsversuchen zum Trotz – Menschen, deren schieres Sein mich auf eine Art fasziniert, die ich nicht erklären kann.

[Nein, es geht hier nicht um morbide Faszination, nicht um laute, ungehobelte, unangenehme und ganz und gar untragbare Leute, die ihre Dummheit hinter dumpfen Parolen verstecken wollen, was ein in sich unmögliches Unterfangen ist. Deren Existenz ist mir lediglich Ärgernis & Rätsel.]

Es geht hier um Menschen, die ich treffe, ansehe und vor denen ich ganz schnell zurückweiche, um aus dem Hintergrund sehnsüchtige Blicke und verirrte, meist erschreckend fehlgesetzte Worte zu werfen. Ich sollte weggehen, mich umdrehen und fliehen, machen, dass ich nach Hause komme.

Stattdessen bleibe ich sitzen, äuge, sehne, mache auf cool und komme mir dämlich vor.

Wie ein elender Teenager.

In unregelmäßigen Abständen begegnen mir – allen Vermeidungsversuchen zum Trotz – Menschen, in die ich mich verliebe.

In dich zum Beispiel, dessen Geschichten mich so berührt haben und dessen Ruhe und Gelassenheit mich immer wieder berühren.
Oder in dich mit der wundervollen Stimme und den schönen Worten.
In dich, der du mir Dekadenz mit Whisky und stundenlangen Gesprächen geschenkt hast, ehe du mir ein Zuhause wurdest.
In dich, den besten Indenarmnehmer der Welt.
Und in dich, der du einer von den Guten bist und mit dem ich redenredenreden will.
Oder in dich, die personifizierte Wunderbarkeit.

In unregelmäßigen Abständen treten Menschen in mein Leben, die es gefälligst nie wieder verlassen sollen, die gefälligst immer wieder meinen Weg kreuzen und mich neu in sich verliebt machen sollen.

Was sie unweigerlich tun.

[Für einen Abend; bis zum Wochenende; immer, wenn dieses Lied läuft, bei dem du damals in der kleinen Kneipe aufs Klo gegangen bist, um dann mit diesem Typen wiederzukommen, der dich schließlich mit nach Hause nehmen durfte; immer, wenn ich an dieser einen Stelle am Rhein sitze; jedes Mal, wenn ich am Flughafen vorbeifahre. Ewig.]

Es gibt kein Entkommen: Du sitzt doch schon in meinem Kopf. Du verwirrst doch schon mein Herz. Du verfolgst doch schon meine Träume.
Du stellst doch schon lange Dinge mit meiner Kunst an, du Judas.

Und jetzt will ich eben deine Stimme hören, deinen Geschichten lauschen, alles über dich erfahren, jede Erinnerung, jede obskure Idee, jede Sorge.
Ich will in dein Hirn kriechen und mir alles ganz genau ansehen.
Ich will die Kleinigkeiten in deinem Gesicht betrachten, die feinen Linien auf deiner Haut, die Farben in deinen Augen, die Form deiner Lippen.
Ich will Worte, die nur mir gelten.

Deine und deine und deine auch. Ohne Verpflichtung, vielleicht nicht mal exklusiv, aber immer wieder und wieder.

Die ewige Sehnsucht.

Geburtshilfe für ein Buch

Wie manch einer hier mitbekommen haben dürfte, lebe ich mit einem Schriftsteller zusammen.

Herr Gaffory hat mich bereits mit seinem Debut „Kreisklassenhölle“ schwer beeindruckt (das nachfolgende Stalking war offensichtlich von Erfolg gekrönt, siehe oben), nun hat er nachgelegt:

Wehe, du schreibst nichts über die Nits
Die neun Leben des King Bronkowitz

Ein Buch über Musik, Bands, Musiker, Fans und Sammler, voller merkwürdiger und durchweg unterhaltsamer Anekdoten, Konzertberichte, Plattenkritiken. Angereichert mit autobiographischen Notizen, die darlegen, warum Herr Gaffory so ist, wie er nunmal ist.

Ich mag das Buch.

Ich will, dass es erscheint.

Hier kann man es unterstützen; betrachtet es einfach als Vorbestellung. Oder als Möglichkeit, sehr viel günstiger als im Handel an Herrn Gafforys „Backkatalog“ zu gelangen: „Kreisklassenhölle“ und „Der Katzenkönig“ sind nämlich ebenfalls als Dankeschöns zu haben!

Oder freut euch einfach, dass ihr einem fantastischen Künstler helfen könnt, der daraufhin sicher noch viele weitere feine Bücher schreiben wird.

Alles endet

Wie jedes Jahr wollte ich meine ganz persönliche Verwirrung nach Weihnachten nutzen, um in Ruhe das Jahr Revue passieren zu lassen.

(Wir haben doch Jahresende, oder??)

Sowas gefällt mir nämlich ähnlich gut wie bunte, blinkende Lichter in Wohnzimmerfenstern von Plattenbauten, Kernobst mit Schokoladenüberzug und Anstehen, um Glühwein zu kriegen: Irgendwie isses kacke, irgendwie aber auch geil.

Das Ganze wollte ich dann in zierliche Zeilen voller schöner Wörter gießen und hier auf meinem Blog teilen, auf dass ihr, werte Leser, voller Neid auf mein Leben blickt und nicht anders könnt, als ständig und andauernd über mich nachzudenken, wie ich in meinem Prinzessinnenschloss sitze (wahlweise, wenn ihr Leser meiner Bücher seid: meinem dreckigen Folterkeller) und den ganzen Tag nichts anderes mache, als Kunst zu konsumieren, über Kunst nachzudenken, sowas Ähnliches Kunst zu produzieren und mit attraktiven Künstlern zu schlafen.

Das wird nix, daher nur so viel:

2015 war geil, denn ich habe zwar kein Prinzessinnenschloss (nicht mal nen eigenen Folterkeller), produziere absolut keine Kunst, darf aber zumindest welche konsumieren, darüber nachdenken und mit einem gar wundervollen Künstler schlafen.
Insofern muss 2016 gar nicht mehr viel liefern – viele schöne Aufträge für das Lektorat wären fein, noch viel mehr Treffen mit all den herrlichen Menschen, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte, und endlich die Erfindung einer Pizza, deren ständiger Konsum dünn, wunderschön, gesund, fit und klug macht.

Dafür liefere ich dann nen Roman.

Deal?